Pilgern ist ein neuer alter Zeitgeist. Schon seit hunderten von Jahren gehen Menschen pilgern. Sie tun das, um einen Wallfahrtsort zu besuchen, um Buße für sich und ihre Verwandten zu tun und aus vielen anderen Gründen. Auch heutzutage pilgern immer mehr Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens oder nach sich selbst. Sogar direkt vor meiner Haustüre geht das: Pilgern auf dem Weg nach Wilsnack. Hier erzähle ich von meinem eigenen Erlebnis.

Die verschiedenen spannenden Motive, um pilgern zu gehen, haben mich 2012 zum Nachdenken angeregt. Prompt habe ich mich dazu entschlossen, selbst eine Pilgerreise anzutreten, um zu erfahren, was das in mir auslösen würde. 

Der Ort, der dabei jedem als erstes einfällt, ist Santiago, Spanien. Nach gründlicher Recherche stellte sich der Jakobsweg jedoch als kostspielig, überlaufen und umständlich für mich heraus. 

Marie beim Pilgern auf dem Weg nach Wilsnack

Pilgern auf dem Weg nach Wilsnack

Als ich weiter überlegte, wo es für mich hingehen könnte, ist mir eingefallen, dass ich in einem Ort wohne, der selbst eine sehr bedeutende Pilgergeschichte hat. Wilsnack war im Spätmittelalter der bedeutendste Wallfahrtsorte in Nordeuropas. Durch die Reformation und das Verbrennen der “Wunderbluthostien” nahm die Pilgerbewegung in Wilsnack jedoch ein plötzliches Ende. Der Pilgerweg ist immer mehr in Vergessenheit geraten. Doch seit mehreren Jahren wird er wiederbelebt und es gibt die Möglichkeit 130 km von Berlin nach Bad Wilsnack zu pilgern.

Warum nicht den Pilgerweg vor der eigenen Haustür ausprobieren? Also habe ich mich in den Zug gesetzt, bin in Berlin Henningsdorf ausgestiegen und einfach losgepilgert.

Fünf Tage lang war ich unterwegs – eine sehr prägende Erfahrung mit mir selbst. Heute bin ich froh, dass ich mich damals dazu entschlossen habe. Auf der ganzen Strecke bin ich keinem/keiner anderen Pilger:in begegnet. So war ich die ganze Zeit alleine mit mir und meinen Gedanken. Zusammen mit der schönen Natur hat mir das unglaublich gutgetan. 

Übernachten im Kirchturm und andere Abenteuer in der Heimat

In der Dorfkirche in Barsikow habe ich ein besonderes Schlaf-Highlight erlebt. Der Kirchturm wurde im Zuge eines EU-Projekts zu einer Pilgerherberge umgebaut: Ich konnte für eine Nacht direkt unter den Glocken schlafen. Das und so viele weitere Momente der Reise waren unvergesslich.

Ich habe mich darüber geärgert, dass ich diese Chance fast nicht gesehen hätte. Und ich glaube es geht vielen so: wir neigen dazu, nur das Offensichtliche zu sehen und vergessen dabei, nach links und rechts zu schauen. 

Lasst uns über den Tellerrand hinausblicken und den Fokus auch mal auf die eigene Region lenken. Deutschland hat zahlreiche Wallfahrtsorte und Pilgerwege. Ich sehe hier Potenzial für die Kirchen, viel mehr Angebot für das Bedürfnis von Menschen nach modernem Pilgern zu schaffen. Ein schönes Beispiel dafür ist das Pilgerzentrum in Hamburg.

Der Pilger-Ausweis darf nicht fehlen auf dem Weg nach Wilsnack

Erfahrungen teilen – ein interdisziplinäres Pilgerseminar

Diese regionale Pilgererfahrung und das Bedürfnis, die besondere Geschichte meines Heimatortes Bad Wilsnack zu erzählen, hat mich 2017 dazu motiviert, bei der @Konrad-Adenauer-Stiftung das Pilgerseminar „Wege nach Wilsnack – ein interdisziplinärer Blick auf Pilgern in Geschichte und Gegenwart“ zu initiieren. Von Teilnehmern wie @Maximilian Martin habe ich das Feedback bekommen, wie erzählenswert diese Pilgergeschichte ist. Sie regten mich an, dieses wertvolle Erlebnis zu teilen. Das schärft den Blick auf die Kirche wieder von einen ganz neuen Standpunkt. Pilgern in der Vergangenheit und Gegenwart – wie können wir diese Analogie auf die Kirche von der Vergangenheit in die Gegenwart transportieren? 

Angekommen in Bad Wilsnack - Marie am Ende des Pilger-Weges